Der Grazer Otto Egger - als erster Österreicher Weltbester in der Leichtathletik

Wir danken Olaf Brockmann herzlich für seinen für die Steiermark überarbeiteten Beitrag über den Grazer Otto Egger, der 1914 als erster Österreicher Weltbester in der Leichtathletik war!

Taucht mit uns ein in die Geschichte der Leichtathetik!

Ein Steirer seit 1914 „Urahne“ von Vicky Hudson - Otto Egger gelang der Sprung an die Weltspitze!

Es ist eine Rarität in der Geschichte der österreichischen Leichtathletik, dass Viktoria Hudson mit ihren in Maribor erzielten 67,76 m das Jahr 2025 als Weltbeste im Speerwurf abschließt. Eine Leistung, die man nicht genug würdigen kann. Nur sechs ÖLV-Aktive standen vor ihr zum Jahresende an der Spitze der Welt-Leichtathletik. Aber nur ganz wenigen Experten ist bekannt, dass ein Steirer hier als Weitspringer der Mann der ersten Stunde war. Otto Egger (GAK) war 1914 der erste Österreicher, der in der Leichtathletik weltweit die Nummer 1 war.

Mit 7,18 m seiner Zeit weit voraus

Grund genug, einmal auf diese längst vergessene Sensation eines Steirers zurückzublicken! Otto Egger (1893 bis 1954) gelang sein historischer Weitsprung bei einem Länderkampf Ungarn gegen Österreich am 12. Juli 1914 mit 7,18 m. Bei diesem Wettkampf – also kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs - übertraf der Grazer auch als erster Österreicher die 7,00-m-Marke. Damals eine ganz gewaltige Leistung!

Wie weit Otto Egger seiner Zeit voraus war, zeigt der Vergleich mit der Gegenwart. Bester Steirer im Weitsprung war heuer Felix Pirchner (ATSE) mit 7,20 m in der Halle und 7,14 m im Freien. Otto Egger aber sprang in seiner großen Karriere sogar noch weiter. 1921 verbesserte er seinen Rekord über 7,25 m in Berlin noch auf 7,26 m in Wien. Seine letzte Bestmarke, die er dann schon als WAC-Athlet aufstellte, hielt 26 (!) Jahre. Erst Felix Fürth sprang aus dem ÖLV-Bereich mit 7,29 m (Wien 1947) weiter als Otto Egger.

Drahtbericht aus Wien: Egger-Rekord!

Aber eilen wir der Zeit nicht zu sehr voraus, kehren wir ins Jahr 1914 zurück, in dem Otto Egger die Nummer 1 der Welt war. Fast aus dem Nichts gelang dem großen Talent nach 6,33 m (1912) und 6,73 m (1913) damals der große Durchbruch. Der GAK-Athlet sorgte bereits bei den Leichtathletik-Meisterschaften am 21. Juni 1914 für Furore, als er den Weitsprung mit dem neuen ÖLV-Rekord von 6,95 m gewann. Zudem wurde er mit 1,75 m im Hochsprung Meisterschafts-Dritter, wovon es im „Illustrierten Sportblatt“ sogar ein seltenes Foto-Dokument gibt.

Otto Egger rückte also im wahrsten Sinne des Wortes ins Bild der Öffentlichkeit. Standen ansonsten fast ausschließlich die Wiener im Mittelpunkt der heimischen Leichtathletik, so strich das „Illustrierte Sportblatt“ in seinen seitenlangen Berichten über diese Titelkämpfe besonders heraus, dass „auch in der Provinz die Leichtathletik festen Fuß gefaßt hat, was die glänzenden Leistungen der Grazer (Ferdinand) Friebe und (Otto) Egger bewiesen“. Kein Wunder, dass auch die Grazer Zeitungen begeistert waren. Das „Grazer Tagblatt“ brachte eigens „einen Nachtrag zum Sport“ und berichtete aktuell von den Erfolgen der Steirer. Wörtlich: „Aus Wien wird uns gedrahtet: Auf dem Sportplatz des Wiener Athletikklubs wurden gestern die vom Österreichischen Leichtathletikverband veranstalteten leichtathletischen Meisterschaften beendet. Die gebotenen Leistungen waren hervorragend. Fünf neue österreichische Höchstleistungen wurden geschaffen.“ Darunter der Rekord von Otto Egger mit 6,95 m, worüber auch die Grazer Konkurrenz, die „Tagespost“, aktuell berichtete. „Bei herrlichem Wetter“ gewann Otto Egger den „Weitsprung mit Anlauf mit einer Rekordleistung.“

„Aufmerksamkeit aller Wiener Sportkreise“

Jetzt ging es Schlag auf Schlag. Die „Tagespost“ vermeldete zwei Tage später stolz, dass „das ausgezeichnete Abschneiden der Grazer Leichtathleten Friebe und Egger bei den Meisterschaften die Aufmerksamkeit aller Wiener Sportkreise auf die beiden hervorragenden Talente gelenkt hat“. Beide kamen wenig später „in die Liste der Auserwählten“ für den Länderkampf in Budapest.

Über diesen dritten Vergleich Ungarn gegen Österreich sind wir gut informiert. Denn einige Wiener Zeitungen schickten eigene Korrespondenten mit der Eisenbahn mit nach Budapest und die stets sportinteressierten ungarischen Blätter berichteten natürlich ausführlich.

„Egger erregte große Sensation“

Hatte Otto Egger die 7,00-m-Marke also im Juni noch knapp verfehlt, so war diese Barriere in Budapest mit 7,18 m fällig. Die österreichischen Zeitungen übertrafen sich in Superlativen. „Egger erregte eine große Sensation“, hieß es etwa in der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung“, auch die seriöse „Neue Freie Presse“ schwärmte von einer „Sensation“, die „Zeit“ zollte „vollste Anerkennung“.

Die „Tagespost Graz“ freute sich natürlich, „dass diesmal wieder die Grazer Leichtathletik sehr zu Ehren kam“. Ferdinand Friebe sei zwar „im Laufen über 1500 m, in dem er als Favorit galt“, geschlagen worden, aber „Egger erzielte im Weitsprung die großartge Leistng von 7,19 Meter, die einen neuen österreichischen Rekord bedeutet“.

Großes Lob auch von den Ungarn

Großes für Otto Egger kam auch von den Ungarn. Der „Pester Lloyd“ anerkannte den „bedeutenden Fortschritt der Österreicher“ und „die hervorragende Leistung von Egger“. Für „Magyaroszág“ („Ungarn“) war „das schönste Ergebnis des Wettkampfs zweifellos der Weitsprung von Egger“: „Dieser junge und starke Athlet (Ez a fiatal és erős atléta) weckt bei seinen Landsleuten die größten Hoffnungen. Sein enormer Schwung und sein hervorragender Stil zeugen von seinem großen Talent, obwohl er erst seit knapp einem Jahr Leichtathletik betreibt. Auch das Publikum würdigte seine Leistung und feierte den sympathischen Österreicher nach seinem Sieg herzlich.“

„Katastrophaler Regenguss“

Der Länderkampf hatte „mehrere Tausend Zuschauer“ („Allgemeine Sport-Zeitung“) auf den „Hungaria-Platz“ gelockt, „obwohl ein Unwetter bevorstand“. Schließlich ging tatsächlich schon „nach der dritten Konkurrenz ein katastrophaler Regenguss mit Gewitter herunter, was eine reguläre Austragung der Kämpfe völlig unmöglich machte“, berichtete das „Fremden-Blatt“ aus dem Stadion, „die Laufbahn und der herrliche Fußballplatz standen zwanzig bis dreißig Zentimeter unter Wasser“. Liest man die Berichte in den historischen Zeitungen und sieht die Bilder der Sprinter auf der Laufbahn, erscheint es wie ein Wunder, dass das Meeting nach einer „stundenlangen Unterbrechung“ noch über die Bühne ging und Otto Egger sogar noch Rekord sprang.

„Der Länderkampf“, so hieß in einem lebhaften Bericht im „Wiener Montagblatt“, „konnte erst bei vollständiger Dunkelheit, um halb 9 Uhr abends, beendet werden, „die Anlage der Sprungbahn, die von beiden Seiten zu benutzen ist, ermöglichte trotz des Gewitterregens die Austragung der restlichen Sprungkonkurrenzen, da die Konkurrenten auf der sonst Trainingszwecken dienenden Seite, die wohl einen leichten Neigungswinkel (sic!) zeigt, ihre Sprünge ausführten.“

„Eine wahre Offenbarung!“

Der Korrespondent vom „Fremden-Blatt“ verfolgte diesen Wettkampf offenbar direkt neben der Weitsprung-Anlage. So packend ist sein Bericht. „Ein ungarischer Funktionär äußerte vor dem Start beim Sprungstand, daß wohl nur die ersten Sprünge von Wert sein werden, da die nasse Kühle die Springlust der Konkurrenten wesentlich beeinträchtigen werden.“ Um so größer war die Bewunderung für Otto Egger, der bei „diesen trostlosen Bodenverhältnissen den ungeahnten Rekord von 7 Meter 18 Zentimeter erzielte“. Weiters: „Die Sensation des Meetings, eine wahre Offenbarung, war die imponierende Leistung des Wieners Egger im Weitsprung.“

Schon in seinem ersten Versuch verbesserte Otto Egger seinen Rekord um vier Zentimeter auf 6,99 m. Diese Leistung wurde bereits „durch Beifall des viertausendköpfigen Publikums gewürdigt“. Dann folgte im zweiten Durchgang der erste österreichische 7,00-m-Sprung!

„Eljen! Egger, lebe hoch!“

Dazu heißt es im „Fremden-Blatt“: „Als der Sprecher das Resultat des Sprunges von 7,18 verkündete, brach das Publikum in orkanartigen Jubel aus. Tausendstimmiges Eljen und Hoch Egger durchschwirrten die Luft, minutenlanges Klatschen und Trampeln, kurz ehrliche Begeisterung des temperamentvollen ungarischen Publikums.“ Die Zuschauer kannten sich aus! Denn Otto Egger löschte nicht nur seine österreichische Bestleistung, sondern sprang auch weiter als Nándor Kovács, der mit 7,06 m den ungarischen Rekord hielt, jedoch bei diesem Länderkampf wegen Verletzung fehlte. Aber an diesem Tage hätte Kovács selbst gegen Egger, der im dritten Versuch noch 6,76 m sprang und den Länderkampf überlegen vor seinem Landsmann Josef Grillwitzer (6,63) gewann, „keine Chance“ gehabt, war sich das „Fremden-Blatt“ sicher: „Der Sprung Eggers unter so ungünstigen Bodenverhältnissen muß rückhaltslos als eine europäische Extraleistung bezeichnet werden. Dem sympathischen Wiener gebührt ein begeistertes österreichisches Hurra!“

Rekord in einem ungarischen Dress

Detail am Rande: Seinen für die Geschichte der österreichischen Leichtathletik so bemerkenswerten Rekord sprang der Steirer Otto Egger in einem ungarischen Dress, wie viele Zeitungen berichteten. Grund: „Ein nicht alltäglicher Zwischenfall bildete das Ausbleiben der Sportausrüstung der Österreicher, die schließlich gezwungen waren, in den Dresses des Magyar Testgyakorlok Köre („Ungarischer Turnverein“) an den Start zu gehen“, wusste „Der Morgen. Wiener Montagblatt“. Dies war selbst dem „Prager Tagblatt“ berichtenswert. Das „Illustrierte Sportblatt“ nahm den ÖLV für diese Panne in Schutz: „Daß der mit dem Transport der Dresses beauftragte Herr nicht in Budapest eintraf, kann als Schlamperei eines Einzelnen dem Verbande nicht zur Last gelegt werden.“

Ein Zentimeter vor Henry Ashington

Jedenfalls ging Otto Egger in Budapest am 12. Juli 1914 in die ÖLV-Geschichte ein. Mit seinen 7,18 m lag er am Ende des Jahres auch an der Spitze der Weltrangliste im Weitsprung. Freilich nur mit einem Zentimeter Vorsprung vor dem Briten Henry Sherard Osborn Ashington, der beim Vergleich Oxford gegen Cambridge am 27. März im Queen’s Club von London 7,17 m gesprungen war, und zwei Zentimeter vor dem US-Amerikaner Richard Boyd (7,16 m in St. Louis am 7. Mai). In den heute anerkannten historischen Bestenlisten, die die führenden Leichtathletik-Statistiker aus aller Welt in jahrelanger Kleinarbeit recherchiert haben, wird also ein Steirer (!) für 1914 im Weitsprung als Nummer 1 der Welt geführt.

Damit ist Otto Egger der Urahne in der Geschichte der österreichischen Weltbesten in der Leichtathletik. Nach ihm sollten bei den Frauen nur noch Speerwurf-Legende Herma Bauma (1936/1944), Liese Prokop im Fünfkampf (1969), Ilona Gusenbauer im Hochsprung (1971), Ivona Dadic im Siebenkampf (2020) und heuer Viktoria Hudson sowie bei den Männern Hammerwerfer Heinrich Thun (1963) als Nummer 1 der Welt folgen…

Weltbestenliste im Männer-Weitsprung 1914:

7,18 (1) Otto Egger (Ö) Budapest 12.07.

7,17 (1) Henry Sherard Ashington (Gb) London 27.03.

7,16 (1) Richard Boyd (USA) St. Louis 30.05.

7,11 (1) Harold A. Pogue (USA) Dayton 04.07.

7,10 (1) György Kovács (Ung) Budapest 10.05.

7,09 (1) Lincoln Prescott (USA) Exeter 30.05.

7,09 (1) Philip Kingsford (Gb) London 04.07.

7,07 (1) William Hunter (Gb) Edinburgh 27.06.

7,06 (1) Willi Dünker (D) Münster 14.06.

7,06 (1) Platt Adams (USA) Baltimore 12.09.

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Die Weitsprung-Rekorde von Otto Egger:

6,92 (1) Viktor Franzl Wien 28.09.1912

6,95 (1) Otto Egger Wien 21.06.1914

7,18 (1) Otto Egger Budapest 12.07.1914

7,25 (1) Otto Egger Berlin 24.07.1921

7,26 (1) Otto Egger Wien 14.09.1921

7,29 (1) Felix Würth Wien 14.06.1947

Österreichs Weltjahresbeste in der Leichtathletik: (*)

1914: Otto Egger (Weit) 7,18 Budapest 12.07.

1936: Herma Bauma (Speer) 45,71 Wien 11.07.

1944: Herma Bauma (Speer) 44,42 Wien 02.09.

1963: Heinrich Thun (Hammer) 69,77 Leoben 15.09.

1969: Liese Prokop (Fünfkampf) 5352 Südstadt 05.10.

1971: Ilona Gusenbauer (Hoch) 1,92 Wien 04.09.

2020: Ivona Dadic (Siebenkampf) 6491 Götzis 30.08.

2025: Victoria Hudson (Speer) 67,76 Maribor 28.06.

(*) Seit Beginn der IAAF-Ära

Text: Olaf Brockmann

Statistiken: Olaf Brockmann (mit Informationen von Rooney Magnusson, Piere-Jean Vazel, Hans-Peter Car, Karl Graf)

Credits:

Historische Zeitungen:

Österreichischen Nationalbibliothek (ANNO): Arbeiter Zeitung, Allgemeine Sport-Zeitung, Der Morgen. Wiener Montagblatt, Die Zeit, Fremden-Blatt, Grazer Tagblatt, Illustriertes Sportblatt, Montags-Revue aus Böhmen, Neue Freue Presse, Neues Österreich, Pester Lloyd, Tagespost (Graz), Wiener Sonn- und Montagszeitung

Országos Széchényi Könyvtár (Ungarische Nationalbibilothek): Az Újság, Magyarország, Nemzeti Sport

British Library: The Times (Times Digital Archive)

Statistiken:

Graf, Karl: ÖLV-Bestenlisten 1914 bis 1921. – In: Austrian Athletics, Archiv, online

Kamper, Erich; Graf Karl: Österreichs Leichtathletik in Namen und Zahlen, Graz 1986

Wallauch, Norbert: Sport Almanach, Band 1, Leichtathletik (Schriftenreihe der Österreichischen Bundes-Sportorganisation), Wien o.J. (1970)

Progression of World Athletics Records, World Athletics Heritage, Edited by Richard Hymans (ATFS), Monaco 2024

Biltdtexte Egger:

Otto Egger im Weitsprung. – Credit: ÖLV-Homepage

100

Otto Egger als Weitspringer 1919. - Illustriertes Sportblatt, 28. Juni 1919, Seite 7 (ÖNB/ANNO)

200

„Ein Leichtathlet von Europarang“: Otto Egger.- In: Leichtathletik in Österreich, Geschichte, Entwicklung und Spitzenleistungen der österreichischen Leichtathletik von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, Von Ernst Glaser – Fritz Kürbisch, Wien, o.J., Credit: Lothar Rübelt

300

Otto Egger als Hochsprung-Dritter bei den Leichtathletik-Meisterschaften in Wien 1914. - In: Illustriertes Sportblatt, 25. Juni 1914, Seite 6 (ÖNB/ANNO)

400

Szenen vom Länderkampf Ungarn gegen Österreich: Die Laufbahn war nach einem sintflutartigen Regen komplett aufgeweicht. – In: Illustriertes Spotblatt, 16. Juli 1914, Seite 11 (ÖNB/ANNO)

500

Otto Egger als Weitspringer 1921. – In: Illustriertes Sportblatt, 16. Juli 1921, Seite 1

600

Weltjahresbestenliste im Weitsprung 1914

18. Dezember 2025